Casanova
Wieso sind die Filme, mit denen man nicht rechnet, eigentlich immer die entzückendsten? Casanova zeichnete eigentlich alles aus, um in die Kategorie der für mich unattraktiven Filme zu fallen. Die Story vermeintlich bekannt, Irrungen und Wirrungen eines Liebhabers auf dem kniffeligen Weg, die wahre Liebe zu erobern und Heath Ledger wieder einmal Pferdeschwänzchen und Brokat zur Schau tragend. Ganz großes Gähnen!
Dachte ich….
Was letztendlich den Ausschlag gab, mir das ganze doch anzusehen? Venedig….und Jeremy Irons mit lächerlicher Perücke in der Vorschau…einfach göttlich. Und wie es sich herausstellte, was das nicht das einzig wunderbare an dem Film, er strotzt nur so voll liebenswert schrulligen Charakteren.

Kurz zur Geschichte:
Venedig, 1753, und wieder einmal steckt Casanova in der Klemme. Die Inquisition ist ihm dicht auf den Fersen und diesmal scheint der Einfluss des ihm freundlich gesonnenen Dogen nicht auszureichen, um ihn zu schützen. Eine repräsentative Braut muss her und wer eignet sich zur Rettung des Rufes besser, als eine stadtbekannte ehrbare und wunderschöne Jungfrau? Selbige ist auch schon ganz heiss auf ihn und mehr als willig, ihn zu freien, aber wie es immer so ist, kommt unserem Helden diesmal die wahre Liebe in Form einer emanzipierten schlagfertigen Dame in die Quere, die unter falschem Namen kritische Schriften für die Rechte der Frauen veröffentlicht. Casanova ist hin und weg, gibt sich als ihr Verlobter, einen Schweinefleischfabrikanten aus Genua aus und zitiert aus ihren Werken, um ihr Herz zu gewinnen. Aber so einfach ist diese Frau nicht rumzukriegen, der echte Verlobte muss auf Distanz gehalten werden, die Braut darf nichts davon wissen und der neu in der Stadt auftauchende Großinquisitor ist auch nicht zu unterschätzen…

Ein klassisches Verwirrspiel also, aber dargeboten mit unendlich viel Charme, Leichtigkeit und Witz und trotz aller Vertrautheit doch immer wieder spaßigen Wendungen. Großes Lob an alle Schauspieler, allen voran Oliver Platt. Die Rolle des Schweinefleischfabrikanten hätte allzu leicht in platten Fäkalhumor, Peinlichkeiten oder flachen Witzen über dicke Menschen abgleiten können, aber die Umsetzung ist dermassen gut gelungen, dass man diesen Mann einfach nur nonstop knuddeln könnte. Herrlich!
Brillant auch Lena Olin, die mit jedem Film hübscher wird. Und das liegt nicht nur an den venezianischen Wonderbras…die Rolle der Brautmutter scheint ihr auf den Leib geschrieben.
Heath Ledger…nun…ich muss feststellen, dass das nun schon der dritte Film mit ihm ist, den ich sehr liebe und dass, obwohl ich ihn gar nicht leiden kann. Er spielt mir immer zu hölzern. Aber die anderen Leute tragen ihn gut mit und er passt auch wirklich in die Rolle. Jeremy Irons….gnicker…das ist mal wirklich was für’s Auge. Und für’s Ohr…seht zu, dass ihr den Film in der Originalversion zu sehen bekommt. Die schlagfertigen Dialoge sind einfach zu klasse.

Ein kleines Manko gibt es doch zu bemängeln, der recht abrupte Schluss, der im Eiltempo durchgezogen wird. Es werden noch mal fix alle losen Fäden verknüpft und sinnlose Actioneinlagen geboten, als ob dem Regisseur an dieser Stelle aufgefallen wäre, dass der Film ja noch ein paar Degenkämpfe vertragen könnte. Seufz. Kennt ihr das, wenn ihr während einer Prüfung so richtig im Schreibfluss drin seid und auf einmal steht der Prüfer vor einem und sagt „Noch fünf Minuten, Herrschaften“? So kam mir das vor. Auf einmal merkte der Regisseur, dass er nur noch fünf Minuten Zeit hatte, um den Schluss zu erzählen und das passte alles vorne und hinten nicht. Schade! Mir wäre es lieber gewesen, wenn er sich damit auch mehr Zeit gelassen hätte.
So ist es doch ein ziemlicher Stilbruch.

Ansonsten gibt es nichts zu mäkeln, einfach göttlich leicht. Keine langweiligen oder überflüssigen Szenen, gute Dialoge, gute Ausstattung, Venedig, eine gehörige Portion Schlagfertigkeit, kaum Hau-drauf-Humor, der Film ist es wirklich wert, sich in die Lange Kette der Casanova-Geschichten einzureihen. Sehr unterhaltsam, ein weiteres Hallströmsches Meisterstück, ein wirklich wunder-wunderschöner Film, den ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht verlassen habe. Ganz große Klasse. Thumbs up!