Casino Royale
Es ist ja immer in gewisser Masochismus dabei. Man weiß eigentlich gar nicht so genau, warum man in „den neuen Bond“ geht. Ist es reine Nostalgie? Weil man weiß, dass die Filme früher einmal gut waren? Dass man sich vor langer Zeit mal nicht in einem Bond gelangweilt hat? Dass die Filme damals durch die technischen Spielereien interessant waren? Und heute?

Die letzten Bond-Filme hindurch habe ich nur noch gelitten. Öde, öd, öde… Und jetzt? Neuer Hauptdarsteller, neues Glück, wieder Kino-Karte gekauft und rien-ne-vas-plus wieder gelitten. Aber zum Glück nicht die vollen 144 Minuten, sondern nur die Hälfte des Filmes, nach der Pause, als die Kurzgeschichte vorbei war und der Drehbuchschreiber sich verzweifelt ein neues Handlungsfädchen aus dem linken Zeh pulen musste.

Der Film geht also ganz gut los, wie alle guten Actionfilme mit einer Verfolgungsjagd, aber diesmal zu fuß über Stock und Stein, Hochhäuser rauf und wieder runter und man staunt ob der guten Kondition beider Kontrahenten. Da wird schier übermenschliches geleistet, aber naja, als Agent verdient man ja vielleicht auch gut genug, da kann man schon mal bizarre Höchstleistungen zeigen. Und natürlich klarmachen, dass man ein knallharter Kerl ist und zudem noch neu im Business und völlig ungeniert Leute in einer Botschaft umnieten kann. Gar kein Problem, her majesty wird’s schon verstehen und Konsequenzen muss so einer wie Bond ja eh nicht fürchten. Auch nicht, wenn er bei M in die Wohnung einbricht und ihren Computer hackt. Mir stellte sich da die Frage, warum die gute Frau nicht umgehend alle Passwörter änderte, aber so als Geheimdienstchef kann man ja nicht alles im Blick haben. Der Bond macht sich auf und davon auf die Bahamas, natürlich rein beruflich…jaja….wo er die sehr willige Frau eines zwielichtigen Geschäftemachers knattert, weiter geht’s nach Miami in die Körperwelten-Ausstellung, was nicht gerade Sinn macht, aber ganz bizarr aussieht, und dann muss man mal schnell die Sprengung eines Flugzeug-Prototypen verhindern. Gar kein Problem, man kommt ja leicht aufs Rollfeld und es stört auch erstmal keinen, wenn man da ein bisschen Amok fährt. Hierbei ist es übrigens sehr interessant zu beobachten, zu welchen akrobatischen Spagat-Höchstleistungen der irre Terrorist fähig ist, während er mit einem Bein Bond aus dem nicht gerade kleinen Tanklaster stößt, ruht das andere Bein sehr sicher auf dem Gaspedal. Hut ab, und solche Späßchen macht der echt öfter. Sicher nur, um Bond Gelegenheit zu geben, attraktiv ölverschmiert am Getriebe zu hängen. Natürlich wird die Sprengung in letzter Sekunde örtlich verlegt und zwar auf den Terroristen selber.
Rummms…hat’s gemacht…
Und weiter geht’s in das idyllische aus den tschechischen Orten Lokett und Marienbad flugs zusammenkopierte Montenegro (vielleicht wusste der Regisseur ja nicht, wo das liegt), um mal eben um 110 Millionen zu pokern. Zusammen mit dem inzwischen schwarz gewordenen Felix Leitner (zu lange im Solarium gewesen?) und Mr. „Ich bin--hässlich-wie-die-Nacht-und-kann-als-Spezialität-Blutränen-weinen“ Overfiend Le Chiffre. Der ist eigentlich zu bemitleiden, da verliert man ein paar Milliönchen, weil leider der beauftragte Flugzeugsprengterrorist im wahrsten Sinne des Wortes hops gegangen ist, und schon hat man sämtliche Geldgeber-Killer der Welt am Hals. Man hat es schon schwer im internationalen Jet-Set.
Wie gesagt, es wird gepokert, was sich eine Weile hinzieht, der Bond wird vergiftet, hat einen Herzinfarkt, kann aber trotzdem nur kurze Zeit später wieder rennen wie ein Wildpferd. Einen starken Mann haut so was eben nicht um. Da kann man auch mal eben beim Pokern gewinnen und sich hinterher von dem Schneckchen der Finanzaufsichtsbehörde wieder gesundpflegen lassen. So unglaublich es klingt, aber das war der gute Teil des Filmes….
Dann fiel dem Regisseur ein, dass es ja mal wieder Zeit für eine Autoverfolgungsjagd wäre und schnuddeldiewupp jagt man (mit diversen Martinis, Whiskey und Resten des Herzmedikamentes im Blut) zielsicher durch die Pampa, nur um einen Unfall zu bauen, weil man Trulla nicht überfahren möchte (schade eigentlich). Und wer hätte es gedacht, jetzt ist es Zeit für die obligatorische „Ich foltere mal den Bond und verrate ihm meine Welteroberungspläne“-Szene. Nette Foltermethode allerdings, nackt auf einem Stuhl ohne Sitzfläche gefesselt und des öfteren mit einem Seilknoten heftigst in die Weichteile gepuncht. Aber weil der Bond so ein harter Kerl ist, nützt das natürlich wenig. Der geht eher tot, als dass er das Geld rausrückt. Muss er aber gar nicht, das Umnieten des Oberbösen erledigt schon ein anderer für ihn.
Im folgenden juckelt Bond mit dem Schneckchen ein wenig durch die Weltgeschichte, knutscht viel rum, wen wundert es, bei einer Frau namens Vesper (knabber mich an, Baby), kann poppen ohne Ende, und dass, obwohl er sicher noch Monate Freude mit Penisbuch, blauen Eiern etc. haben dürfte, diskutiert über den Sinn der Agentenkarriere und muss sich alles Ernstes bei der Trulla noch halbwegs dafür rechtfertigen, dass er Leute umbringt. Halloooooo? Das ist sein Job?? Fragt doch mal einen Bäcker, ob der nicht ein schlechtes Gewissen hat, weil so viele Körner jeden Tag brutalst gemahlen und anschließend auf tödliche Temperatur erhitzt werden.
*kopfschüttel*
Irgendwann fällt M dann auch mal auf, dass das Geld ja noch gar nicht wieder da ist, worauf der Bond in Venedig feststellt, dass seine Tussi gerade das Geld von der Bank abholt in einem sehr kleinen Metallköfferchen (110 Millionen…schon klar…) um diese dem … Überraschung … gar nicht toten Le Chiffre in die Hand zu drücken. Das geht ja nun gar nicht … peng, peng… ich bin der Sheriff… und weil’s nett aussieht, wird zum Showdown noch mal eben ein ganzes Haus in dem glasklaren Wasser der venezianischen Kanäle versenkt. Praktischerweise versenkt sich das Schneckchen gleich mal mit, was Bond natürlich noch Gelegenheit gibt, sich bei einem weiteren Drahtzieher des Ganzen zu rächen und ihm mal kurz ins Knie zu ficken…äh, ne…zu schießen, bevor er ihn dann doch der Berufsehre wegen lieber totmacht und der Film endlich vorbei ist.

Arg!
Arg! Arg! Arg!
Bei diesem Film kann man so richtig schön feststellen, dass Bond ein Anachronismus ist, der sich inzwischen mehr als überlebt hat, denn zwischen den Zeilen klingt hier sehr schön das Groschenromanfeeling der späten 60ger / frühen 70ger Jahre durch. Hätte ich den Film vor 20 Jahren gesehen, hätte er mir vielleicht sogar richtig gut gefallen. Aber heutzutage wirkt er irgendwie deplaziert. Technisch ausgereift ist ja alles, da kann man nicht meckern. Daniel Craig tut sein bestes und kommt dabei der Romanfigur James Bond wesentlich näher als all seine Vorgänger zuvor. Stellenweise kam bei mir sogar etwas Remo Williams Feeling auf, besonders bei den körperlich stark fordernden Szenen. Remo würde ich so was eher zutrauen als Bond. Absolut gestört hat die Trulla, solch eine bescheuerte künstliche Figur hat man echt selten. Da hat man mal versucht, ein Bond-Girl mit Gehirn auszustatten und schon geht das so was von nach hinten los, das es nur noch nervt ohne Ende. Dazu kommen noch eine ganze Menge völlig unrealistischer und aus der Luft gegriffenen Szenen, dass es einen nur noch gruselt.
Was ganz nett war, waren die markigen Sprüche, die man eingebaut hatte, wohl um dem Bond den Aalglatt-Faktor der vorherigen Filme zu nehmen. Er ist zwar ein körperlicher Übermensch, aber es gibt trotzdem Situationen, in denen es ihm egal ist, ob der Martini geschüttelt oder gerührt ist. Hört, hört…

Naja, alles in allem war wenigstens die erste Stunde weitaus besser als die letzten Bondfilme (also die nach Goldeneye) und damit ist es kein kompletter Zeit- und Hirnverlust, sich den Film trotzdem anzuschauen. Ich stelle mir das Ganze auf Video noch weitaus langweiliger vor als auf der großen Leinwand.
Also, Augen zu und durch!