Snowcake
Dickless Alan Rickman in einer Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert wurde, vielleicht, weil kein anderer diesen Ausdruck absoluter Genervtheit darstellen kann, der gepaart mit dem räudiger-Hund-Blick eine unschlagbare Kombination darstellt.

Doch beginnen wir wie es immer beginnt, am Anfang. Alex ist frisch aus dem Gefängnis entlassen worden. Erst am Ende des Filmes erfahren wir, dass er im Handgemenge den Mann getötet hat, der seinen Sohn überfuhr. Totschlag, kein Mord, weil der Mann unerwartet mit dem Kopf auf einen Tisch aufschlug. Tragischerweise war der Sohn gerade auf dem Weg zu einem ersten Treffen mit Alex, als das Auto ihn erwischte. Alex hat ihn nie gekannt. Jetzt ist er also auf dem Weg zu seiner Exfrau nach Seattle mit dem Auto und in einem Cafe quatscht ihn ein junges Mädchen wegen einer Fahrgelegenheit an. Sie lässt sich nicht abwimmeln und völlig genervt nimmt er sie schließlich mit. Aber die beiden haben nur wenig Zeit, ihre Bekanntschaft zu vertiefen, denn ein Lastwagen rammt das Auto. Vivienne ist sofort tot, Alex hingegen unverletzt. Wie in Trance lässt er die Polizeiarbeit über sich ergehen und fährt dann in die Kleinstadt Wawa, um bei der Mutter des Mädchens zu kondolieren. Natürlich konnte er nicht damit rechnen, einer Autistin gegenüberzustehen. Linda lässt ihn hinein und zwingt ihn quasi, ein paar Tage bei ihr zu verbringen, bis die Beerdigung vorbei ist und damit er ihr den Müll rausbringt. Erst ist er ziemlich irritiert, aber nach und nach gewöhnt er sich an sie und ihre seltsam fremde Art. Er freundet sich mit der Nachbarin an und es ist richtig schade, ihn am Ende des Filmes wieder fahren zu sehen.

Im Prinzip ist es eine klassische inverse Fish-out-of-the-water-Geschichte. Man nehme einen leicht blassen, leicht tragischen Charakter und werfe ihn a) in eine Kleinstadtidylle und b) einer Autistin vor die Füße. Besetzt man das Ganze noch geschickt mit Rickman, Weaver und Moss, so hat man trotz Low-Budget und nur wenigen Drehorten einen erstklassigen Film, der sowohl von der Geschichte als auch von den Protagonisten lebt.
Herrlich!
Rickman und Weaver haben genug Platz, ihre Charaktere auszuspielen, was mich teilweise zu Tränen gerührt hat. Linda hat eine leichtere Form von Autismus, kann kommunizieren und auch arbeiten, halbtags Regale auffüllen, alleine leben. Ihre Tochter ist bei den Großeltern aufgewachsen, lebte aber die letzten zwei Jahre mit ihr zusammen und half ihr durch den Alltag, der von Zwängen beherrscht ist. Die Küche muss sauber sein, Gegenstände müssen genau ausgerichtet sein, keiner soll sie anfassen, die Leute dürfen nicht nerven. Sie hat ein Trampolin im Garten, sie isst gerne Schnee. Sie kann ihre Nachbarin nicht leiden. Sie mag keine Veränderungen. Alex muss ein paar Tage das Spiel nach ihren Regeln spielen, den Hund ausführen, ihre Unnahbarkeit ertragen, aber auch er braucht im Prinzip diese Zeit, um nach dem schrecklichen Unfall zur Ruhe zu kommen. Es ist schön zu sehen, wie sich die beiden langsam annähern, wie Alex langsam erkennt, dass Linda keinesfalls gefühllos ist. Sie sieht und empfindet die Dinge nur anders als andere Menschen. Als Nachbarn ihr ihr Mitgefühl ausdrücken wollen, weil sie ja ihre Tochter verloren hätte, kommt nur ein „Ich habe sie nicht verloren, ich weiß, wo sie ist“ als Antwort. Auf der Beerdigung benimmt sie sich in den Augen der Nachbarschaft völlig daneben, weil sie tanzt und es ist ihr auch unbegreiflich, wieso sie ihre Tochter identifizieren muss, wo Vivienne doch jeder kennt. Sie spielt nach ihren eigenen Regeln und Alex durchdringt mit viel Verständnis nach und nach diese Regeln, bis sie ihn schließlich sogar darum bittet, sie zu halten und ganz fest zu drücken, aber ohne sie dabei anzufassen. Dabei sind mir echt fast die Tränen gekommen. Sehr schön!
Letztendlich tut die Zeit beiden gut, obwohl man das Gefühl bekommt, dass Alex Linda viel eher gebraucht hatte als umgekehrt. Bevor er fährt, hinterlässt er ihr einen Kuchen aus Schnee und verschwindet dann, dem Sonnenuntergang entgegen, nicht, ohne den Moment noch ein letztes Mal als Dazlious zu beschreiben. Ein Wort, dass Linda beim Comic-Helden-Scrabble kreiert hatte. Aber und das zu verstehen, müsst ihr erst mal den Film sehen.
Viel Spaß dabei!