Swades
Mit Swades liegt endlich mal ein Bollywoodfilm vor, der nicht bonbonfarben daherkommt und mit viel Herz-Schmerz das Zusammenfinden eines Pärchens schildert. Aber keine Sorge, wie es sich gehört, ist genug Pathos vorhanden, es wird (durchaus zurecht) auf die Tränendrüse gedrückt, gesungen und getanzt wird auch, allerdings in Maßen und nicht so übertrieben, wie es üblich ist.

Mohan Bhargav arbeitet in den USA für die NASA an einem Wettersatelliten. Von der Nützlichkeit seiner Arbeit ist er völlig überzeugt und in seinem Job geht er auch voll auf. Für Freunde, Familie und Haushalt bleibt wenig Zeit und so fällt ihm eines Tages sein altes Kindermädchen Kaveri amma wieder ein, die für ihn sorgte, seit seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Mit dem Wunsch, sie zur Führung seines Haushaltes nach Amerika zu holen bricht er nach Indien auf. Doch die Amme lebt längst nicht mehr in dem Altenheim in Delhi, in dem er sie vermutet. Statt dessen ist sie in ihr altes Dorf zurückgezogen, wo sie sich um die hübsche Gita, die die Dorfschule leitet, und ihren Bruder kümmert. Gita und Morhan kennen sich von früher und es gibt ein freudiges Wiedersehen, auch wenn er zunächst wie ein Alien in seinem modernen Wohnwagen auf die Dorfbewohner wirkt. Er freundet sich mit einigen Leuten an und als seine Amme ihn zum Eintreiben der Pacht noch tiefer in das innere des Landes schickt, wird ihm erst bewußt, wie arm Indien doch eigentlich ist und in welchem Kontrast sein bisheriges Leben dazu steht. Jetzt muß er sich entscheiden, wohin ihn sein weiterer Weg führen wird. Wo wird er mehr bewegen können? In internationalen Weltraum-Projekten oder doch direkt vor Ort, wo selbst die Strom- und Wasserversorgung nicht gewährleistet ist?
Ist Heimat wirklich nur ein abstrakter Begriff?

Ich weiß, die Story klingt ziemlich platt. Aber nichtsdestotrotz macht es einen doch nachdenklich, vor allem während der Schlüsselszenen des Filmes. Was nützt einem das ganze theoretische Wissen über ein Land, seine Regierungsformen, seine Flüsse und Berge, wenn man doch nie vor Ort bei den einfachen Menschen war? Wozu sich um abstrakte Projekte kümmern, wenn es noch Kinder gibt, die sich kärgliche Almosen damit verdienen, Bahnreisenden Wasser anzubieten? Und wie soll ein Volk etwas bewegen, wenn es noch immer die unverrückbaren Barrieren des Kastensystems gibt? Natürlich ist Mohan Brahmane, wie hätte er sonst eine solch gute Ausbildung genießen können, und als solcher ist er bis jetzt nicht direkt mit den Harijans in Kontakt gekommen. Bei dem Versuch, die niederen Kasten zu bewegen, ihre Kinder zur Schule zuschicken, trifft er auf zunächst auf heftigen Widerstand, sowohl bei den Dorfältesten als auch bei den Eltern selbst. Wenn die Kinder schon mit zehn im heiratsfähigen Alter sind, wieso sie dann noch zur Schule schicken? Und Mädchen schon gar nicht. Da bedarf es schon einer überzeugenden Gesangs- und Tanznummer während eines Stromausfalls bei der öffentlichen Filmvorführung auf dem Dorfplatz, um die Schranken niederzureißen, was schön symbolisch durch den Fall der Leinwand, die die Gruppen trennte, dargestellt wird. Eigentlich ein sehr einfacher Film mit einfachen Bildern, der die Aussage nie verschleiert sondern platt aber charmant auf den Teller wirft. Trotzdem nicht aufdringlich, sondern sehr zu Herzen gehend. Die Charaktere sind schnörkellos und überzeichnet, aber dennoch nicht nervig. Die Tiefe der Botschaft entfaltet sich erst langsam, als wir uns, immer in der Sicht des Protagonisten verweilend, dem Land Indien annähern. Und es nicht nur arm, sondern auch bezaubernd erleben dürfen. Ich denke, dass sich viele bessergestellte Inder in der Geschichte wiedererkennen werden und auch wenn sie deswegen jetzt nicht alles stehen und liegen lassen und sich der Entwicklungshilfe widmen, regt es sie vielleicht doch zum Nach- und Umdenken an.

Insgesamt eine gute Mischung. Humor, Musik, schöne Bilder, stereotype aber nicht unsympathische Charaktere und ein Film, der trotz seiner Länge auch das einfachste Gemüt nicht überfordert. Einfach zum immer-mal-wieder-angucken!