Wind Chill
Es ist eigentlich sehr ungewöhnlich, dass eine Geschichte dadurch gewinnt, dass sie Potential verschenkt, mögliche Handlungsstränge nicht verfolgt, Tiefen nicht ausschöpft. Würde dieser Film nach den klassischen Regeln des Horrorgenres spielen, wäre es nur ein weiteres schlechtes Beispiel von vielen. Vorhersehbar und nicht sonderlich intelligent gestrickt. Durch seine Trägheit aber erzielt dieser im wahrsten Sinne des Wortes unterkühlte Film eine ganz besondere Wirkung auf den Zuschauer.

Eine Studentin (Namen werden während des Filmes nicht genannt) findet am schwarzen Brett eine Fahrgelegenheit für die weihnachtliche Fahrt nach Hause. Sie ahnt nicht, dass der Fahrer bereits seit geraumer Zeit ein Auge auf sie geworfen har. Gezielt fährt er mit ihr in den Wald, aber anstatt des geplanten romantischen Dates kommen sie von der Strasse ab, der Wagen steckt in einer Schneewehe fest. Und natürlich sind beide zu blöd/naiv, um den Wagen freizuschaukeln oder Hilfe zu holen. Eine bewußt verschenkte B-Film-Storyline hier: Irrer Psychopath schnetzelt junge Anhalterinnen. Bewußt verschenkt, da der Film auch nicht groß in diese Richtung spielt, die Zuschauer nicht in die Irre führt, man bleibt in der Beziehung der Charaktere und ihren Handlungen realistisch.

Da natürlich der Horror nicht zu kurz kommen soll stellt sich bald heraus, dass es in den eisigen Wäldern spukt. Eine ganze Handvoll Geister läuft durch die Gegend, bleibt aber erfrischenderweise passiv und stellt keine Bedrohung dar. Sie sind tot und sie sehen entsprechend abstoßend und verwest/erfroren/ertränkt/geschnetzelt aus, aber sonst nichts. Und warum auch? Warum sollten die Toten die Lebenden immer hassen? Das waren immerhin auch mal ganz normale Leute. Wieso sollten sie da im Tode auf einmal kriminelle Energie entwickeln? Sie starben eines unnatürlichen Todes und sind seitdem in dieser Haltung gefangen und anscheinend an diesen Ort gebunden. Sie greifen nicht in das Geschehen ein, sondern streifen eher wie Echos durch die Berglandschaft.
Schmückendes Beiwerk halt. Und wer gruselt sich nicht vor erstaunlich echt aussehenden Wasserleichen oder hageren glatzköpfigen Priestern?

Dennoch braucht die Geschichte letztendlich einen Antagonisten, um sie voranzutreiben und dafür zu sorgen, dass die Helden passiv verharren.
Auslöser und Schlüsselfigur der Gegebenheiten ist ein Sheriff, der zu Lebzeiten schon die Gegend unsicher machte, Alkoholschmuggler ertränkte, Frauen vergewaltigte etc. und letztendlich bei einem Unfall in seinem Wagen verbrannte. Alles unter den Augen einiger Mönche, die in den Wäldern wohnten, aber nie in das Geschehen eingriffen. In klassischer Boogieman-Manier taucht der Sheriff immer mal wieder auf, um die jungen Leute ins Auto zurückzudrängen und den Spannungsbogen zu halten. Gepaart mit nicht zu flachen Dialogen und philosophischen Ansätzen entsteht so ein vernünftiges Gesamtkonzept, das mehr vom Gefühl der Beklemmung als von kurzen Geisterbahnschockeffekten genährt wird. Die ständige Angst, dass etwas passieren könnte, die nie gelöst wird, weil eigentlich nichts passiert und die Bedrohung rein optisch bleibt. Trotzdem ist allein der Gedanke, in einer solchen Situation von Untoten umgeben festzusitzen erschreckend.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Zuschauer diesen Film langweilig und unoriginell finden werden. Aber wenn man ihn ganz alleine sieht, am besten in einem dunklen Kinosaal (und da ist sie wieder, die passive Bedrohung), dann kann einem schon schnell ganz anders werden. Brrrrrt…

Die Schauspieler machen ihre Sache ganz gut. Anstrengen müssen sie sich dafür nicht groß. Sie schaffen es, in ihren Rollen glaubhaft zu bleiben und dem Zuschauer nicht völlig gleichgültig zu bleiben. Also eine nette gruselige Unterhaltung, bei dem sich der Horror mehr im Kopf abspielt als auf der Leinwand. Es könnte…

Insgesamt ist der Film allerdings etwas zu lang. Ich würde ihn eher als interessante Kurzgeschichte werten. Als Twilight-Zone-Folge würde er glaube ich ideal funktionieren. Sehenswert ist dieser Film allemal. Was für die Feiertage, wenn es draußen schneit und die hageren Priester unterwegs sind zur Weihnachtsmesse. *schüttel*