30 days of night
Während in üblichen Vampirgeschichten den Helden wenigstens ein für paar Stunden des Tages eine vampir-biologisch bedingte Verschnaufpause garantiert ist, fällt diese Zufluchtsmöglichkeit bei „30 days of night“ völlig weg.
Eine Gruppe von Vampiren beschließt, sich mal zünftig selbst zu verwirklichen und macht eine Kegelfahrt in den Norden, wo die Sonne sich eine ganze Weile nicht blicken läßt. Dort würde man sich in Ruhe austoben, die Einwohnerschaft des fiktiv geschönten Örtchens Barrow / Alaska (im Film nur mit 179 Einwohner bestückt, im realen Leben sind es knapp 4500) verknuspern, anschließend die Ölpipeline in die Luft jagen und ungestraft und –bemerkt weiterziehen. Vorneweg schicke man einen Renfield-Ersatz, der alle Handys des Ortes vernichtet, die Schlittenhunde zerlegt und ein bißchen düstere Stimmung verbreitet und dann kann der Spaß auch schon losgehen.

Natürlich haben die Einwohner des Ortes wenig Chancen. Der Film verweilt erzählerisch beim jung-dynamischen Sheriff des Ortes, seinem Bruder und seiner Exfreundin sowie einer Handvoll Auserlesener, die einen Monat lang auf den Sonnenuntergang hoffen und als Zehn-kleine-Negerlein-Appetithäppchen herhalten dürfen. Eine durchaus solide Grundlage für einen guten Horrorfilm. Vieles wurde vor allem optisch sehr schön umgesetzt, sofern man überhaupt ästhetisch splattern kann. Blut auf Schnee hat schon irgendwas romantisches, kopflose Leichen lassen sich prima auf Schaukelgerüsten arrangieren und Schneefräsen oder Zerhäxelmaschinen sorgen für lustiges Vampirkonfetti. Aber dabei bleibt es auch, Gedärme und aufgerissene Leiber bleiben dem Zuschauer erspart. Tut auch echt nicht Not.

Verwöhnt werden wir mit einigen guten Schockeffekten, die einen im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt erwischen und regelrecht aus dem Sitz hüpfen lassen und noch gesteigert wird die gruselige Stimmung durch den unglaublich guten Einsatz der Musik. Da stehen einem im Kino schnell mal die Haare zu Berge, vor allem, wenn ob der tiefen Baßtöne auch schon mal unvermutet der Boden unter einem vibriert kurz bevor das Böse zuschlägt. Zugegeben, eigentlich alles alte Hüte, aber optisch und akustisch sehr schön komponiert, kann einen richtig gut mitreißen.

Inhaltlich wurden leider viele gute Ansätze verschenkt, der 30-tägige Dauerstreß der Überlebenden wird kaum rausgearbeitet, man könnte meinen, das Ganze hätte sich in nur drei Tagen abgespielt. An Charakteren wird nur der Sheriff betont, dessen seelische Vereisung aber schön sichtbar wird. Anfangs noch eine Art Grünschnabel, setzt ihm jeder Tod mehr und mehr zu und er wird steifer und steifer bis er schließlich selbst zerbröselt. Sehr schön gemacht. Leider sind die anderen Personen nur schmückendes Beiwerk ohne Tiefe und Geschichte und der bedauernswerte Renfield-Typ bleibt uninteressant. Auch die Vampire sind leider dumm wie Brot, naja, was soll man von toten Gehirnen auch erwarten? Dafür ist man hier aber auch mal optisch neue Wege gegangen und hat sie zusätzlich zu den obligatorischen Reißzähnen, pupillenlos schwarzen Augäpfeln und spitzen Ohren mit katzenartig schrägstehenden Augen und hochstehenden Wangenknochen ausgestattet, was sehr befremdlich scheint. Nur eine leichte Veränderungen der menschlichen Anatomie aber eine sehr irritierende Wirkung. Man muß einfach hinschauen.
Eher gestört als verstört hat mich die Diskrepanz in den Bewegungsabläufen der Blutsauger. Einerseits konnten sie sehr grazil über die Dächer huschen und unglaublich flink durch die Gegend sprinten, aber sobald sie stillstanden, war anscheinend der Akku leer und es wurde zombiemäßig getaumelt bzw. der Kopf in unnatürlichem Winkel hängengelassen wie bei einem alterssschwacher Panther mit Hospitalismus im Endstadium. Blöd! Da hätte ich mehr Körperspannung erwartet, eher wie bei einer Katze, die ihre Beute fixiert. Das sah aber leider einfach nur lächerlich aus und paßte nicht ins Bild, genausowenig wie das andauernde "Schau mal, wie viele Zähne ich besitze" - Imponiergehabe. Seufz!

Inhaltlich hätte ich mir mehr gewünscht, aber es war aber vielleicht auch schwer, den Spagat zwischen guter Stimmung und guter Geschichte hinzubekommen. Der Film bleibt seinem Ursprung im wörtlichen Sinne als graphic novel treu, denn man hat sich eindeutig eher für das Herz als das Hirn entschieden, d.h. gruselig ist der Film allemal, was für’s Auge und für’s Ohr und nicht so flach, dass es weh tun würde, sondern inhaltlich gutes Mittelmaß. Sehr grafisch und ohne Tiefgang, wie Comics nun mal so sind. Ich hatte viel Spaß damit, habe mich oftmals erschrecken lassen, war eine wirklich gute Geisterbahnfahrt. Und man sollte definitiv das Geld ausgeben, den Film auf großer Leinwand und mit großer Lautstärke zu sehen, denn nur so wird er seine Wirkung entfalten können.
Also los, schnell ab ins Kino, solange er noch läuft! Oder ihr kauft euch schon mal Subwoofer für die DVD-Version :-D