Chennai Express

Dieser Film hat mir mal wieder deutlich vor Augen geführt, dass die Inder im Gegensatz zu den Amerikanern noch wissen, was Kino bedeutet.

Überlebensgrosse Unterhaltung!

Alles darf bunter, lauter, übertriebener, ausgeprägter als die Realität sein. Bei Chennai Express fallen gleich drei wichtige Elemente des indischen Films auf (und nein, damit meine ich nicht die spontanen Gesangs- und Tanznummern):

1) Poster Shots

Nahezu jede Kameraeinstellung ist durchkomponiert und eignet sich als perfektes Szenenfoto. Das ist echt was für's Auge, da wird nichts dem Zufall überlassen. Keiner der unzähligen Statististen, keine Falte der Saris, keine Farbe der Blumen. Das Resultat ist 141 Minuten perfekte Bilder, gestochen scharf, brilliant inszeniert. Keine wackelige Handkamera, keine störenden Zoomaufnahmen, nein, selbst blutverschmiert sehen die Leute noch schön aus.
Besonders spassig fand ich eine perfekte Disney-Logo Einstellung (ihr wisst schon, der Schwenk über London, bevor man das Cinderella-Castle sieht, nur diesmal war es ein Schwenk über ein indisches Tal ohne Castele, aber trotzdem zu ähnlich, um es nicht zu bemerken) ein kleiner Gruß an die Produktionsfirma UTV (fest in Disneys Hand) :-D

2) Overacting

Indien ist ein Land mit über 1600 Sprachen. Nicht jeder spricht die Amtssprachen Englisch und Hindi. Trotzdem gehen alle Inder gerne ins Kino. Was tun? Da bleibt nur der Rückgriff auf extrem übertriebene Mimik und Gestik, damit jeder der zumeist eh recht einfachen Handlung folgen kann. Und das schafft der großartige Shah Rukh Kahn, zu Recht Superstar, einfach perfekt. Man nimmt ihm jede der übertriebenen Mimen ab. Er schafft es, für jede noch so kleine Gefühlsregung passend überzogene Gesichtszüge zu wählen. Und er sieht nicht lächerlich aus dabei. Unglaublich! Den zugegebenermassen nicht gerade hübschen Mann spielen zu sehen, ist ein Augenschmaus für sich. Ganz zu schweigen von der extremen Charismawelle, die seinen Figuren vorauseilt.

Auch sein Co-Star, Deepika Padukone, schafft es in diesem Film, und das muss man so sagen, gekonnt zu übertreiben. Einfach nur gut!

3) Einsatz von Musik

Auch der Sprachproblematik geschuldet, kommt in indischen Filmen eine Musikspur ins Spiel, die ähnlich dem Lachband amerikanischer Serien, dem Zuschauer lustige Szenen ankündigt, vor bösen Menschen warnt, Gefühle noch einmal durch sich wiederholende Tonfolgen manipuliert. Das fällt in diesem Film besonders auf.

Kurz zur Geschichte:

Rahul (der Name sollte bekannt vorkommen ;)), ein 40jähriger verwaister Zuckerbäcker aus Mumbai, hatte nie Zeit zur Familiengründung, weil er sich immer um seinen Opa kümmern musste. Nun hat dieser mit 99 Jahren und 364 Tagen das Zeitliche gesegnet und verfügt, dass ein Teil seiner Asche in den Ganges, ein anderer im Süden ins Meer gestreut wird. Letzteres passt Rahul ganz gut, wo er doch gerade mit Freunden Urlaub in Goa machen möchte. Er besteigt zum Schein den Chennai Express mit dem Hintergedanken, eine Haltestelle später wieder auszusteigen und den Opa halt anderweitig zu entsorgen. A well deceived plan... aber er hatte nicht damit gerechnet, im Zug auf die Tochter eines Mafiabosses aus dem Süden zu treffen, die ausgebüxt war und von ihren vier Cousins gerade wieder nach Hause befördert werden soll, um dort einen zwei Mal zwei Meter Schrank zu heiraten. Durch einiges hin und her schafft Rahul es natürlich nicht, den Zug zu verlassen und er landet im Dorf der Schönheit. Und flieht nach einer Schlägerei mit ihr ins Nachbardorf, wo sie sich als Verheiratete ausgeben. Sowas kann natürlich nicht lange gut gehen....

Wenig Geschichte, aber viel Bantering. Schade, dass ich kein Indisch kann, dieser „Nordindien trifft Südindien“-Film hat anscheinend unglaublich viel Sprachwitz. Zum einen verständigen sich Rahul und Meena gerne über Hindi-Songs (die wir aus x Filmen kennen), da ihre Cousins kein Hindi sprechen, zum anderen haben sie viel Spaß damit, dass gleiche Wörter unterschiedliche Bedeutungen in Hindi und Tamil haben. Da fliegen die verbalen Fetzen nur so hin und her. Auch mit den Stimmlagen wird viel gearbeitet (siehe Overacting) Zitate aus vielen Shah Rukh Khan Filmen finden Verwendung angefangen bei „Mein name ist Rahuh, das sollte dir bekannt vorkommen“ über „Mein Name ist Rahul, ich bin kein Terrorist“ und sicher noch viele mehr, wenn man dem Musikeinsatz vertraut. Und sie arbeiteten hart an den eigenen Zitaten wie „Never underestimate the power of the common man / Zuckerbäcker“ bzw. „Ich bin so wütend, dass ich mich hinsetzen muss!“ Und natürlich muss der Held am Ende wieder eine flammende Rede für seine Liebe halten.
Und das kann der Khan wirklich gut! Stimmodulation 1A! Unglaublich! Der Mann verdient sich im Gegensatz zu den Hollywoodschauspielern seine Gagen wirklich redlich! Und leiden kann er auch wie kein anderer. :-D

Was bleibt ist eine hübsche kleine extrem überzogene indische Geschichte, die viel Spass macht und die einfach ins Kino gehört. Perfekt, um für 141 Minuten die Realität völlig zu vergessen.

Halt das, was Kino ausmachen sollte und was es heutzutage viel zu selten gibt!

Dazu passend gibt gibt es fünf seichte Lieder, die sich als Single auskoppeln lassen und die mich, leider, nicht so vom Stuhl gehauen haben wie die Om Shanti Om Musik. Trotzdem gehen sie ins Ohr. Es gibt schlechtere. In diesem Film scheint die Musik auch irgendwie fehl am Platz, aber sie gehört nun mal dazu.