Cast Away
Chuck Nolan ist ein gestreßter Fed-Ex Mitarbeiter, der ständig, sehr zum Leidwesen seiner Freundin, zwischen diversen Firmenfilialen weltweit hin- und herpendelt. Auf einem dieser Trips stürzt das Frachtflugzeug ab, Chuck überlebt als einziger und wird auf eine felsige einsame Insel gespült, auf der außer ihm, diversen Krebsen, Fischen und Kokospalmen nichts lebt. Es beginnt ein vier Jahre andauernder Überlebenskampf, bis er schließlich von der Insel flüchten kann, nur um festzustellen, daß seine Freundin inzwischen verheiratet ist und ein Kind hat.
"Gibt es denn wirklich nichts neues unter der Sonne?" mag der geneigte Cineast denken. Mann strandet auf einsamer Insel, überlebt irgendwie und kehrt dann in die Gesellschaft zurück. Gähn! Haben wir das nicht schon x-mal gesehen? Was kann daran noch faszinieren?
Was bewegt Regisseur, Drehbuchautor und Darsteller, uns selbiges erneut zu servieren?
Gerade diese Frage machte mich neugierig und so bin ich eines regnerisch-kalten Tages ins Kino getrabt, nur um von diesem Film komplett aus den warmen Stricksocken katapultiert zu werden. Wow!
Dieser Film spielt echt heftig auf der Gefühlsskala der Zuschauer. Ich habe gelacht, ich habe geweint, habe mich furchtbar geekelt, erschreckt, mitgefühlt, nachgedacht, verharrte....kurzum, es war eigentlich genau das, was ich von einem guten Kinofilm erwarte. Für zwei Stunden aus meinem Alltag völlig herausgerissen zu werden.

Es beginnt natürlich mit einer Vorstellung der Charaktere, die meiner Meinung nach ein bißchen kurz und oberflächlich ausfällt. Auch im folgenden erfahren wir nicht mehr über den Helden, wir sehen zwar seine Taten, aber sein Gefühlsleben bleibt größtenteils verborgen, läßt aber durch teilweise quälend lange Kameraeinstellungen genug Raum für eigene Gedanken. Mehr als einmal fragt man sich: "Wie würde ich mich fühlen? Was würde ich tun?"
Relativ schnell geht es dann zur Sache, es folgt ein gut gemachter Flugzeugabsturz. Wirklich heftig, sehr realistisch gefilmt, extrem spannend, lohnend!
Chuck wird während eines tropischen Sturmes auf der Insel angespült, auch diese Szenen mit einem kleinen Schlauchboot auf extrem hohen Wellen werden schon fast unnatürlich lange gezeigt, so daß der Zuschauer verharren muß und gar nicht anders kann, als sich vorzustellen, er säße selbst mit im Boot, was den Eindruck stark intensiviert.
Auch auf der Insel wird diese cineastische Technik verschärft eingesetzt, so daß man Zeit hat mitzufühlen, nachzudenken, sich in die Figur hineinzuversetzen, was stellenweise keine wirklich schöne Erfahrung ist. Oder möchten Sie sich einen Zahn mit einer Schlittschuhkufe ausschlagen? Ich sicher nicht...brrrt.....

Erstaunlicherweise endet der Film nicht mit der Flucht von der Insel, wie es viele erwartet hätten, sondern zeigt uns auch noch die Zeit danach, zeigt, daß der von allen bereits für tot erklärte Protagonist im Grunde genommen wirklich "Cast Away" ist, daß es keinen Rückweg mehr für ihn gibt in das Leben, das er einst kannte. Die Insel hat ihn verändert, er wird sein Leben völlig neu beginnen müssen.

Für diesen Film war es wichtig, einen Schauspieler zu finden, zu dem die Zuschauer eine Beziehung aufbauen können. Einen durchweg symparthischen Allerweltsmenschen und was lag da näher als Tom Hanks? Er spielt diese Rolle meisterhaft, Hut ab! Bemerkenswert ist der Realismus, den er der Figur verleiht, er ist kein Superheld, der das alles mit links meistert, kein Typ, der das alles cool hinnimmt, sondern ganz einfach ein ganz normaler Mensch mit allen Schwächen, Fehlern und Hoffnungen. Als Gegenpart (und um dem Film einen Grund für Dialoge bzw. Monologe zu geben) hat man ihm den Volleyball Wilson zugeteilt, zu dem er im Laufe des Filmes eine tiefe Beziehung aufbaut, so tief, daß er fast ertrinkt, als er versucht, ihn zu retten. So abstrus wie das jetzt klingt, wirkt dies jedoch in keiner Sekunde lächerlich, Tom Hanks schafft es, mit diesem Ball zu reden und umzugehen, als sei es ein normaler Mensch und das ist wohl eine Qualität, die nur wenige Schauspieler besitzen. Bravo!

Das ist mal wieder so ein Film, den man im Kino sehen muß, um sich so richtig hineinfallen lassen zu können. Bequem im Sofa sitzend auf einen kleinen Fernseher starrend wird nie derart das Gefühl des Ausgeliefertseins an die Natur aufkommen wie vor einer großen Leinwand, bei der man hinschauen muß, nicht mal eben in die Küche flüchten oder sich anderweitig ablenken kann. Nur im Kino gelingt die Identifikation vollständig und intensiviert dadurch den Genuß dieses Filmes.

Also, worauf wartet ihr noch?