American History X
Im Zuge der von mir frisch ausgerufenen "Schauen wir uns mal Filme mit Edward Norton an"-Woche (siehe auch Glauben ist alles, Zwielicht und Fightclub), habe ich mir American History X angesehen und bin einigermassen beeindruckt.

Kurz zum Inhalt: Derek Vinyard (Edward Norton), wächst, durch die Ermordung seines Vaters durch Schwarze drive-by-shooter leicht traumatisiert, zusammen mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinem jüngeren Bruder Danny (Edward Furlong) in Los Angeles auf und gerät in den hypnotischen Einfluß eines Alt-Nazis, der sich eine kleine Armee aus den Jugendlichen des Viertels rekrutiert. Als drei Schwarze sein Auto klauen wollen, sieht sich Derek zur Selbstjustiz genötigt und erschießt sie bzw. zertritt einem von ihnen in einer ziemlich spektakulären Szene den Schädel. (Ich bin ja die härtesten Horrorfilme gewöhnt, aber diese Szene hat mich noch tagelang verfolgt, obwohl man gar nichts sieht. Allein das Geräusch und der Gedanke daran. Yuk! Echt heftig!)
Derek wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und erfährt während dieser Zeit eine Wandlung vom Saulus zum Paulus. Frisch geläutert und in Freiheit muß er leider feststellen, daß sein Bruder den gleichen Weg beschreitet, den er einst nahm und auch zum Nazi und Negerhasser par excellence wurde. Derek versucht nun alles, um seinen Bruder auch zu bekehren und ihn aus den Fängen der Gruppe zu entreissen, doch wird es ihm gelingen?

Soweit so gut und hoffentlich nicht zu viel verraten.
Bei dem Film handelt es sich quasi um eine "One-Man-Show", da Mr. Norton in fast jeder Szene zu sehen ist und der Drehbuchschreiber sich solche Mühe mit dem Charakter gegeben hat, dass er leider keine Ideen für andere Charaktere mehr hatte. Alle anderen Personen kommen dementsprechend nur sehr blass und fragmentiert daher und das liegt nicht nur daran, dass die Hälfte des Filmes in schwarz-weiß gedreht wurde.
Schade eigentlich, denn wenn man auch noch starke Nebencharaktere gehabt hätte, hätte dieser Film das Potential zum echten Klassiker gehabt.
Mr. Norton kann dafür mit einem Spiel über drei Charakterebenen glänzen, sowohl den unbefangenen Jugendlichen, wie den überzeugten hochintelligenten Rassisten als auch den geläuterten Ex-Sträfling gibt er sehr überzeugend. Er schafft es, und das liegt nicht nur am Make-Up, in allen drei Rollen anders auszusehen und auch körperlich anders zu wirken. Der Mann ist wirklich ein exzellenter Schauspieler. Hut ab! Auch wenn ich ihn persönlich nicht sonderlich gut leiden kann, keine Ahnung wieso, ist das gleiche wie bei Bard Pitt oder Tom Cruise. Das sind super Schauspieler und ich sehe unheimlich gerne Filme mit denen, aber irgendwie kann ich sie nicht leiden. Seltsam, oder? Ich kenn die doch gar nicht. Vielleicht sind das ja ganz nette Leute. Hmmmmm.....

Egal...zurück zum Film....bleiben wir bei der Story....
Das interessante daran ist, dass wir es mit einem extrem intelligenten Protagonisten zu tun haben, dessen rassistische Argumente glaubwürdig sind und man ertappt sich tatsächlich dabei zu denken "Ja, der Mann hat recht!", nur um sofort entsetzt zurückzuzucken. Ich denke mal, das ist die größte Gefahr des Antisemitismus, nicht die Leute, die Stammtischparolen brüllen und hinter der Meute hertrotten, sondern die Demagogen, die es schaffen, ihre Argumente sachlich stichhaltig hervorzubringen und die Schuld an irgendwelchen Miseren dann geschickt auf die Minderheiten zu schieben. Das wurde in diesem Film erstklassig umgesetzt und das ist etwas, das mir Angst macht. Wenn ich mir vorstelle, dass tatsächlich solche Leute immer noch rumrennen. Brrrrt!

Manche Leute werden wahrscheinlich bemängeln, dass Derek sich so scheinbar spontan vom Neonazi zum Philantropen wandelt. Der sprichwörtliche Tropfen, der im Film das Fass voll macht, ist eine Vergewaltigung im Knast durch seine Nazi-Kumpels. Danach geht es bergab mit ihm, aus rassistischer Sicht gesprochen. Aber so wie dieser Charakter aufgebaut wurde, halte ich diese Wandlung keinesfalls für unglaubwürdig. Derek ist noch sehr jung, er ist sehr intelligent, er verbringt drei Jahre im Knast, ohne Kontakt zu seinen alten Kumpels, er arbeitet drei Jahre Seite an Seite mit einem Schwarzen, er beobachtet die bigotten Nazis im Knast, die gegen die Ausländer wettern, aber dann doch ihre Drogen von ihnen beziehen, er hat lange Gespräche mit seinem schwarzen Lehrer, den er schon seit längerem bewundert etc. Kurzum, es passieren ihm mehr Dinge, als dieser Film je zeigen könnte und das ist schon ausreichend genug, einen Menschen derart zu bekehren.
Ich habe keine Probleme mit der Glaubwürdigkeit des Drehbuchs.
Eher mit der Kürze und mit den wie schon erwähnten farblosen anderen Charakteren. Auf die eigentlich angestrebte Konfliktsituation zwischen Derek und seinem jungen Nazi-Bruder wird kaum eingegangen, auf den Konflikt, der nach seinem Knastaufenthalt zu seiner alten Clique entsteht, wird kaum eingegangen. Kurz vor Schluss kommt dem Bewährungshelfer die Idee, Derek quasi zurück in die Gruppe zu schicken, um seine alten Freunde auch von dem rassistischen Weg abzubringen. Als gutes Beispiel sozusagen. Aber auch das wird nicht weiter aufgegriffen. Es scheint, als ob sich der Drehbuchschreiber einfach übernommen hat und zuviel Stoff in diesen einen Film packen wollte. Zugegeben, es gäbe auch wirklich viel zu erzählen. Das ganze hätte problemlos für eine TV-Minserie gereicht. So bekommen wir im Prinzip nur einen kurzen Ausschnitt zu sehen und diverse andere Storylines werden grob angerissen. Hatte was von der unendlichen Geschichte. Dies ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Irgendwie schade.

Von der technischen Seite her ist der Film ok. Man hat sich entschieden, die Szenen, die in der Vergangenheit spielen, schwarz-weiß zu zeigen, die aktuellen farbig. Ein netter Einfall, der auch Platz lässt für dramatische Kameraeinstellungen und das irre Glitzern in Mr. Nortons Augen noch verstärkt. Schön gemacht.

Insgesamt betrachtet ein sehr guter Film mit leichten inhaltlichen Schwächen, dafür aber sehr brisanten Momenten. Erstklassig umgesetzt, ich verstehe gar nicht, wieso der Regisseur seinen Namen im Abspann ändern ließ. Er kann wirklich stolz darauf sein. Aber vielleicht hatte er sich den Film ja ganz anders vorgestellt. Wer weiß....