Van Helsing
Wenn sich die Frauen in hautengen Klamotten und mit Stöckelschuhe von Liane zu Liane schwingen, während die Männer mit den peinlichen Hüten dem Sonnenuntergang entgegenreiten, dann ist es wieder einmal soweit. Ein Regisseur hat sich daran erinnert, was Kino früher einmal bedeutet hat. Eine kurzfristige Flucht vor der rauhen Wirklichkeit. Beziehungsprobleme, Identitätskrisen und endlose Managerschwafeleien kann man jeden Tag life erleben, aber wo geht man hin, wenn man hübsche Männer mit freiem Oberkörper beim Monsterplätten sehen will? Na?
Antworten wie: Ins Nebenzimmer, wo mein Freund gerade zockt, lasse ich hier nicht gelten!

Beginnen wir mal mit der für diesen Film unwichtigsten Sache, der Story:
Gabriel van Helsing, charismatischer Unholdzerschmetterer mit fragwürdiger Vergangenheit, wird in den Kellern seines Arbeitgebers, des Vatikans, mit Waffen bestückt und mit einem Laienbruder als Intelligenzkomponentensidekick ausgestattet nach Transsylvanien geschickt.
Er soll dort die Familie Valerious unterstützen, deren Oberhaupt in einem unbedachten Moment gelobt hat, dass sämtliche Generationen der Familie erst dann in den Himmel kommen, wenn deren Evil Overfiend Graf Dracula statt in die Hälser hiesigen Bevölkerung endlich mal ins Gras gebissen hat. Ein sehr kurzsichtiger Plan, denn bis auf ein optisch ganz reizendes Geschwisterpärchen ist die Familie derweil ausgerottet und die Karten stehen für selbige auch nicht besonders gut, da Brüderchen die Anleitung "How to kill in werewolf in 10 easy lessons" nicht ganz konsequent befolgte und nun mutiert in Draculas Diensten steht, der sich übrigens gerne dadurch vermehren würde, indem er den toten Leibesfrüchten seiner drei Vampirbräute mithilfe der Apparaturen des nicht ganz freiwillig verstorbenen Dr. Frankensteins Leben einhaucht.
In diese Familienidylle platzt nun van Helsing, ausgestattet mit oben genanntem peinlichen Hut und einer Maschinengewehrarmbrust, und sichert sich die Sympathien des Schwesterleins, indem er ihr tatkräftig bei einem Angriff der Vampirbräute auf das Dorf beisteht. Weitere Pläne sind schnell geschmiedet, hinein in Draculas Festung und weg mit dem alten Oberbeißer. Dass das nicht so einfach ist, versteht sich von selbst und so müssen die Helden so einiges einstecken, bevor es letztendlich zum ultimativen Kampf der Titanen zwischen dem derweil zum im wahrsten Sinne des Wortes springfidelen Werwolf mutierten van Helsing und dem Fledermausmonster aus dem Weltall kommt…..

Die Story ist einfach, gradlinig und sehr lückenhaft, aber da van Helsing eh an Gedächnisschwund leidet, lässt sich das prima erklären. Gravierende Logikfehler a la 'Underworld' oder 'Liga der außergewöhnlichen Gentleman' (*zuck*) zeichneten sich zum Glück nicht ab, so dass alles noch im, zugegeben sehr gedehnten, glaubhaften Rahmen bleibt. Es gibt keine Brüche in der Story und die Charaktere reagieren einigermaßen normal.
Gut so!

Positiv aufgefallen ist mir, dass wir es hier mit einem Film zu tun haben, der sich einmal hemmungslos an visuellen Vorlagen statt wie sonst üblich an literarischen orientiert. Gnadenlos wird von sämtlichen alten Monster-, Frankenstein- und Vampirfilmen abgekupfert und wir haben so keine Probleme, die Geschichte zu akzeptieren. Klar, dass Dracula drei Bräute hat, klar, dass Werwölfe den Vampiren dienen, klar, dass das Frankenstein Monster so aussieht und nicht anders, klar, dass sich Draculas Schloß in eisigen Höhen befindet... Man ertappt sich dabei, ständig zu denken. Jau, richtig. Jau, so sollte es sein. Sämtliche Erwartungshaltungen, die aus dem Allgemeinwissen unserer Popkultur-Generation über Horrorfiguren und deren Umgebungen existieren, werden erfüllt. Stephen Sommers erfindet das Rad nicht neu, sondern mischt die Karten völlig unverkrampft auf reizvolle Weise und deswegen macht dieser Film auch einfach nur Spaß.

Beeindruckend sind die visuellen Effekte allemal, auch wenn der Dauerregen und die andauernde Düsternis etwas nervt, aber hey, so sieht das ja in den Karpaten vielleicht wirklich aus...(/me duckt sich schnell, bevor sie vom transsylvanischen Verein der Vogel- und Naturfreunde erschlagen wird)
Hübsche Monster, harpiengleiche Vampirefrauen, knuffige Werwölfe, erinnert vom Stil her alles an die Geisterbahnfahrt auf dem letzten Freimarkt, ist aber sehr gut umgesetzt.

Schauspielerisch hervorheben muss ich die Leistung des Dracula-Darstellers Richard Roxburgh, der sich anscheinend Graf Zahl aus der Sesamstrasse zum Vorbild erkoren hat und ständig schweinegut drauf durchs Setting federt. Ein derart übertriebener sich selbst nicht ernstnehmender Rüschenhemdvampir ist mir lange nicht mehr begegnet. Hut ab! Beobachtet ihn mal dabei, wie er das Kreuz verbrennt, das van Helsing ihm in einer Szene hinhält. Dieser "Na? Bin ich nicht gut? Ein Kreuz...zwei Kreuze....Harharrrrharrrrrrrharrrrrrrrrrr"-Gesichtsausdruck ist einfach zu göttlich und hat mir den ganzen Abend gerettet! Aber diese extreme, bonbonbunte Comicschauspielerei, konnte er ja schon in Moulin Rouge zeigen. Wirklich klasse!
Dem hat Hugh Jackman nicht ganz so viel entgegenzusetzen, er hüpft und schwingt sich eher etwas antriebslos durch den Film, genauso wie Miss Magersüchtig Beckinsale.
Naja, wenigstens was für's Auge für beiderlei Geschlechter.

Insgesamt betrachtet kann ich nur sagen, schaut's euch an und schaut's euch um Gottes Willen im Kino an auf möglichst grosser Leinwand. Der Film steckt voller liebevoller Details, die würden auf einem kleinen Bildschirm untergehen. Allein der an "Misfits of science"-Labor erinnernde Keller der Vatikans ist es definitiv wert. Und der halbfertige Eifelturm. Und die *Schnick-Schnack-Wolverine*-Handbewegung des van Helsing–Werwolfs. Und überhaupt! Achterbahnen machen ja auch viel mehr Spaß, wenn sie groß und hoch sind.

Was mich an dem Film gestört hat?
Da gibt es nur eins. Diese ewige Hin- und Herschwingerei an irgendwelchen Seilen. Ich habe fast den Verdacht, dass dieser Film eine ABM-Maßnahme für die arbeitslose Spiderman-Special-Effects-Crew war. Da hat man es ein bißchen übertrieben. Gleiches gilt für den Health-Status der Helden. Ein Sturz aus 15 Metern Höhe? In Stöckelschuhen? Pahhh...stört das jemanden? Ein Sturz aus 20 Metern Höhe? Nein? Moment, ich kann auch noch höher. Hmmmm.....okay, van Helsing könnte ich die Unkaputtbarkeit ja noch abkaufen, da er anscheinend eh ein paar Jahrhunderte älter ist, aber den "normalen" Menschen in diesem Film? Ähhhh.....does not compute!

Was mich besonders beeindruckt hat?
Dass der Oberböse endlich mal extrem kompetente Untergebene hat. Ich meine damit nicht die verspielten "Ich mach dich dann mal später tot"-Vampirkätzchen, sondern diese kleinen Jawas. Wenn die den Laden nicht so gut geschmissen hätten, hätte Dracula längst einpacken können. Und es gibt den ersten wirklich schlauen Igor der Filmgeschichte. Freut euch drauf.